Im Eilschritt durch den Kriminalfall: Bei „Baskerville“ am Mittelsächsischen Theater geben Tempo, Timing und turbulente Verwandlungen den Takt vor. Foto: MiT/Detlev Müller

Ein Mordsspaß mit Sherlock Holmes: „Baskerville“ am Mittelsächsischen Theater Freiberg. Kritik von Elke Hussel

31. Oktober 2026. Freiberg.

Fünf Schauspieler, zahllose Rollen und ein Kriminalfall voller falscher Fährten: In Ken Ludwigs Komödie „Baskerville“ wird Sherlock Holmes zum Ermittler in einem turbulenten Verwandlungsspiel. Regisseurin Silke Johanna Fischer feiert die Kunst der Täuschung – mit viel Schall, Rauch und britischem Humor.

Sherlock Holmes ermittelt. Das Theater täuscht.

Wer Ermittlungsserien liebt, kennt das Muster. Ob „Castle“, „Mentalist“ oder „Tatort“: Ein Verbrechen geschieht, ein Ermittler kombiniert, ein Sidekick assistiert. Sir Arthur Conan Doyle hat mit Sherlock Holmes und Dr. Watson eines der berühmtesten Gespanne geschaffen. Am Mittelsächsischen Theater in Freiberg feierte Ken Ludwigs Kriminalkomödie „Baskerville“ Premiere, in der die größte Attraktion das Theater selbst ist.

Ein mysteriöser Todesfall, ein Familienfluch, ein riesiger Geisterhund: Auf dem nebelverhangenen Dartmoor droht dem letzten Baskerville-Erben ein grausames Schicksal. Holmes und Watson sollen das Rätsel lösen. Doch während der Detektiv nach der Wahrheit sucht, produziert die Theatertruppe vergnügt eine Täuschung nach der anderen.

Zwei Ohrensessel vor dem Vorhang genügen für ein Londoner Wohnzimmer. Holmes raucht Pfeife, trinkt Tee und lässt seinen Scharfsinn spielen. Die Türklingel ertönt hinter dem Publikum. Man sitzt gewissermaßen im Flur und wird zum Komplizen. Später wabert reichlich Theaternebel.

Hochleistungssport im Kostümwechsel

Susanne Cholets Ausstattung setzt auf britisches Karo, Anzüge, Hüte und Perücken, die in Windeseile gewechselt werden. Eine Puppe stürzt für die lebensmüde Jungfer aus einem Fensterrahmen. Holmes, Watson und Baskerville reiten auf Koffern, während über ihnen eine rauchende Spielzeugeisenbahn vorbeizieht. Ein projizierter Ast trägt Zweige und gespenstische Spinnenfinger. Die Tricks sind durchschaubar, aber höchst vergnüglich.

Silke Johanna Fischer spielt in ihrer Regiearbeit mit dem Detektivgenre und der Filmmusik. Hitchcock lässt mit dissonanten Streicherakzenten grüßen, wenn es gruselig wird. In Liebesszenen schwelgen Streicher wie in einer Winnetou-Film-Totalen. Rockige Rhythmen treiben die Bewegungen an. Herrlich, wie Holmes und Watson auf der Stelle rennen und eine wilde Verfolgungsjagd vortäuschen.

Sherlock Holmes, Dr. Watson und die Kunst der Komik

Boris Schwiebert kostet die Marotten des Detektivs mit feiner Ironie aus. Sherlock Holmes raucht genüsslich Pfeife, trinkt ständig Tee und bewahrt selbst im größten Durcheinander die britische Contenance.

Fabian Vogt führt als Dr. Watson durch die Geschichte, stellt eine unmittelbare Verbindung zum Publikum her und verblüfft mit akrobatischem Können. Wenn sich die Ereignisse überschlagen, nimmt er das wörtlich und kullert über die Bühne.

Ein Ensemble im Verwandlungsrausch

Der fabelhafte Peter Peniaška springt mit unglaublicher Wandlungsfähigkeit zwischen seinen Figuren. Eben noch gruseliger Diener mit zitternden Knien und gebeugtem Rücken, kurz darauf Otto-Waalkes-Komik. Jede Figur bekommt ihren Gang, ihre Stimme, ihren Rhythmus.

Emery Escher bringt als amerikanisch akzentuierter Baskerville-Erbe eine große Portion Komik ins britische Geschehen. Er ist oft gefragt, um die Vorhang-auf-Vorhang-zu-Schnipsel zu illustrieren und die Geschichte voranzutreiben.

Durch acht Rollen – in Worten ACHT – wirbelt Natalie Renaud. Mal mit offenem, hochgestecktem oder turmhoch frisiertem Haar, im strengen Mieder oder weißen Nachthemd, mit Plüschschaf oder Flinte als Accessoire. Ihre überbordende Energie verbindet sich mit präzisem komödiantischem Timing.

Viel Schall und Rauch und Schauspielkunst

Was hier geschieht, ist Hochleistungssport in Schauspielkunst. Die Figuren jagen einander so schnell, dass die Handlung zur Nebensache wird. Fischers Inszenierung vertraut auf die Fantasie des Publikums, die Virtuosität des Ensembles und die Lust am sichtbaren Theatertrick.

Conan Doyles Geschichte liefert das Gerüst. Der eigentliche Krimi spielt sich längst woanders ab: Wer rast als Nächster über die Bühne? Und hat er es geschafft, seine Uniform zuzuknöpfen?

Am Ende löst Sherlock Holmes den Fall. Doch der wahre Triumph gehört dem Theater, das mit Schall und Rauch, rasanten Verwandlungen und jeder Menge Spielfreude beweist, wie vergnüglich die Kunst der Täuschung sein kann.

Kurzinfo: „Baskerville“ in Freiberg

Baskerville – Eine Sherlock-Holmes-Komödie
Von Ken Ludwig, nach Arthur Conan Doyle
Regie: Silke Johanna Fischer
Ausstattung: Susanne Cholet
Mit Boris Schwiebert, Fabian Vogt, Peter Peniaška, Emery Escher und Natalie Renaud
Mittelsächsisches Theater Freiberg

Nächste Aufführung: 15. November 2026.

Zwischen Verehrung und Besitzanspruch: Anna Burger als Judy Garland zwischen Emery Escher als Mickey Deans und Boris Schwiebert als Anthony.

Applaus für die Kunst der Verwandlung: Fünf Schauspieler treiben in „Baskerville“ das Tempo auf die Spitze. Für den passenden Schall sorgt Hannes Schmieder am Mischpult im Hintergrund. Foto: Elke Hussel.

Bühnenbild der Freiberger Premiere End of the Rainbow

Komik in der Ahnengalerie auf Baskerville Hall. Foto: MiT / Detlev Müller.

Anthony schminkt Judy Garland

Die Barrymores in der Mitte des Geschehens – brilliant gruselig. Foto: MiT / Detlev Müller.

Infokasten Rainbow

Sherlock Holmes und Dr. Watson analysieren die Morddrohung. Foto: MiT / Detlev Müller