Vor der Kulisse des Kriebsteinsees finden Hanna Glawari (Florentine Schumacher) und Graf Danilo (Beomseok Choi) schließlich zueinander – ein stimmlich wie darstellerisch überzeugendes Paar. Foto: Elke Hussel

Die Lustige Witwe in Kriebstein: Wenn die Zeit Walzer tanzt

28. Juni 2026

Die Zeit gerät an diesem Abend gehörig aus dem Takt. 1907 schimmert in Gold über die Bühne, 1982 singt der Chor plötzlich „Da Da Da“, später mischen sich sogar die Ärzte unter Franz Lehárs Operettenwelt – und zwischendurch rollt ein alter Turbodiesel über die Seebühne. Wer die neue Inszenierung der „Lustigen Witwe“ in Kriebstein besucht, erlebt weit mehr als einen Operettenklassiker: Er erlebt eine vergnügliche Reise durch mehr als ein Jahrhundert Kulturgeschichte.

Ein Haus beginnt seine Geschichte

Noch bevor die ersten Walzer erklingen, schreibt die Seebühne selbst Geschichte. Bürgermeisterin Maria Euchler, Oberbürgermeister Ralf Schreiber, Landrat Sven Krüger und Intendant Sergio Raonic Luković eröffnen gemeinsam den lange erwarteten Neubau.

Dabei passt die Realität erstaunlich gut zur Regieidee: Die Gastronomie ist noch nicht eingezogen, organisatorische Fragen sind noch offen – und trotzdem hebt sich bereits der Vorhang. Man könnte meinen, Kriebstein habe beschlossen, die Zukunft einfach vorzuziehen.

Bühnenbild auf Zeitreise

Regisseur Sergio Raonic Luković und Bühnenbildner Tilo Staudte erzählen ihre Geschichte nicht chronologisch, sondern visuell.

Im ersten Akt dominiert der überdimensionierte Hut einer stilisierten Dame – wie eine Modeillustration der 1920er-Jahre. Im zweiten Akt entsteht mit klaren blauen Linien und Art-déco-Anmutung beinahe die Atmosphäre eines historischen Strandbads und damit eine charmante Verbindung zum Kriebsteinsee selbst.

Das Finale schlägt schließlich den Bogen zurück zur Wiener Secession: Goldene Ornamentflächen erinnern an Gustav Klimts berühmte „Goldene Adele“ von 1907 und tauchen die Bühne in einen schimmernden Bilderrausch.

Sogar die Ausstattung erzählt mit. Drei Sofas wechseln von Akt zu Akt lediglich ihre farbigen Hussen und verändern dennoch den gesamten Raumeindruck. Gemeinsam mit der Champagnerglas-Pyramide entstehen eindrucksvolle Bilder, die den Gedanken der Zeitreise konsequent fortführen.

Wenn Operette plötzlich Popgeschichte schreibt

Auch musikalisch kennt diese Inszenierung keine Scheu vor Zeitsprüngen. Beim ersten Auftritt von Graf Danilo wird aus Lehár plötzlich Trio: „Da Da Da – ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht“ katapultiert das Publikum ins Jahr 1982. Später kippt das Grisettenlied überraschend in einen Song der Ärzte aus dem Jahr 1998.

Was zunächst wie ein Stilbruch wirkt, entwickelt auf der Bühne erstaunlichen Charme. Die Operette verliert nichts von ihrer Identität – im Gegenteil: Gerade die popkulturellen Einschübe machen sichtbar, wie zeitlos ihre Themen geblieben sind.

Humor mit perfektem Timing

Sergio Raonic Luković setzt konsequent auf augenzwinkernden Humor. Kleine Pointen und absurde Dialoge lockern den Abend immer wieder auf, ohne die Geschichte aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Eine besondere Rolle übernimmt dabei Juschka Spitzer als Njegus. Mit sicherem Timing führt sie durch die Handlung und sorgt für viele der komödiantischen Höhepunkte.

Zu den schönsten Bildern des Abends gehört jedoch ein Moment völliger Ruhe: Während sich Hanna und Danilo begegnen, friert das gesamte Ensemble in erwartungsvoller Haltung ein. Plötzlich scheint die Zeit stillzustehen – ausgerechnet in einer Inszenierung, die ansonsten pausenlos durch die Jahrzehnte springt.

Breakdance trifft Operette

Auch choreografisch wagt die Produktion Neues. Klassische Operettenbewegungen verbinden sich selbstverständlich mit Akrobatik und Breakdance. Das Ergebnis wirkt nicht aufgesetzt, sondern organisch und führt den Gedanken des „Tanzes auf dem Zeitstrahl“ konsequent weiter.

Musikalisch hält José Luis Gutiérrez Orchester und Ensemble sicher zusammen und fängt kleinere Unschärfen in den mehrstimmigen Passagen routiniert wieder ein.

Überzeugende Solisten

Florentine Schumacher gestaltet Hanna Glawari mit entspannter Höhe und natürlicher Bühnenpräsenz. Beomseok Choi überzeugt als Graf Danilo nicht nur vokal in gewohnt starker Form, sondern vor allem durch seine darstellerische Wandlungsfähigkeit. Sein „Maxim“-Lied entwickelt sich vom eleganten Dandy-Auftritt zu einer fast trotzig gebrochenen Charakterstudie.

Fazit: Ein Sommerabend voller Zeitsprünge

Am Ende verschmelzen Gustav Klimt, Art Déco, Neue Deutsche Welle, Punkrock, Breakdance und Operettenglanz zu einem überraschend harmonischen Ganzen. Aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entsteht kein Durcheinander, sondern ein klug komponierter Theaterabend.

Wer die Seebühne Kriebstein besucht, erlebt nicht nur die Einweihung eines beeindruckenden Neubaus, sondern eine Inszenierung, die Tradition mit Witz, Fantasie und Mut in die Zukunft trägt. Zwischen Walzer, Wasser und Sommerabend entfaltet die „Lustige Witwe“ ihren ganz eigenen Zauber – und macht Lust auf viele weitere Vorstellungen unter freiem Himmel.

Im ersten Akt beherrscht eine riesige rote Frauenfigur mit überdimensioniertem Hut die Szenerie, stilisiert wie eine Modegrafik der 1920er.

Im ersten Akt beherrscht eine riesige rote Frauenfigur mit überdimensioniertem Hut die Szenerie, stilisiert wie eine Modegrafik der 1920er. Foto: Elke Hussel

Im zweiten Akt weichen die warmen Töne einer kühlen Strenge in Blau.

Im zweiten Akt weichen die warmen Töne einer kühlen architektonischen Strenge in Blau. Die Assoziation Art-déco-Schwimmbad schlägt die Brücke zum Wasser. Foto: Elke Hussel

Der 3. Akt erinnert an Gustav Klimts „Goldene Adele“ von 1907

Der 3. Akt erinnert an Gustav Klimts „Goldene Adele“ von 1907. Foto: Elke Hussel

Seebühne einmal anders: Das Orchester musiziert wettergeschützt im Zelt und begleitet die „Lustige Witwe“ unter der Leitung von José Luis Gutiérrez mit gewohnt sicherer Hand.

Seebühne einmal anders: Das Orchester musiziert wettergeschützt im Zelt und begleitet die „Lustige Witwe“ unter der Leitung von José Luis Gutiérrez mit gewohnt sicherer Hand. Foto: Elke Hussel

Zur Premierenfeier gabs legendäre MiT-Kekse.

Zur Premierenfeier gabs legendäre MiT-Kekse. Foto: Elke Hussel

Besetzungsliste

Ein Operettensommer mit 32 Vorstellungen braucht Ausdauer: Deshalb sind alle Rollen mehrfach besetzt. Das war die  Premierenmannschaft. Foto: Elke Hussel