Szene aus Gianni Schicchi und Bajazzo am Mittelsächsischen Theater Freiberg. Foto: MiT/Detlev Müller
Erben & Sterben. Ein vogelwilder Opernabend
Doppeloper im Freiberger Theater
23. Mai 2026
Zwei kurze Opern, ein langer Flügelschlag: Das Mittelsächsische Theater Freiberg zeigt mit Puccinis Gianni Schicchiund Leoncavallos Bajazzo keinen Doppelabend im klassischen Sinn, sondern eine überraschend geschlossene Erzählung. Zwischen Erbkomödie und Eifersuchtsdrama entsteht eine gemeinsame Bildsprache aus Lockruf, Kreisen, Federkleid und Fallhöhe.
Eine heimliche Vogelsprache verbindet zwei Opern
Eine Gauklertruppe spielt zunächst die Komödie um Erbschaft, List und familiäre Gier, bevor die Stimmung kippt und die Welt des Bajazzo ernst wird. Die Regie von Judica Semler (Bajazzo) und Ivan Leo Lemo (Gianni Schicchi) versucht nicht, Unterschiede einzuebnen. Stattdessen entsteht ein gemeinsamer Resonanzraum.
Die Figuren beobachten, locken, umkreisen einander. Aus Stimmen werden Signale, aus Kostümen Federkleider, aus Komik Beuteverhalten.
Der Bajazzo als Prachtvogel und Raubtier
Canio, Prinzipal der Komödiantengruppe, trägt einen Umhang aus silbernen Federn – prächtig schillernd und zugleich bedrohlich. In seinen verletzlichen Momenten verschwindet dieses Bild der Überlegenheit. Die Ausstattung von Marie-Luise Strandt arbeitet genau mit diesem Bruch: vorn Uniform, hinten Nacktheit.
Wenn sich Inkyu Park während seiner berühmten Arie „Lache, Bajazzo“ den roten Clownsmund schminkt, wird daraus plötzlich ein Schnabel: breit, grell, hungrig.
Dieses musikalische Highlight bleibt kurz – und gerade deshalb wirksam. Park spielt und singt mit einer Intensität, die den Saal unter Kontrolle hält. Ton um Ton legt er eine Spur, und das Publikum folgt wie ein Schwarm.
Lauretta verlässt das Erbnest
Die zweite berühmte Arie des Abends ist Laurettas Lockruf „O mio babbino caro“.
Zuvor hatte Schicchi seine Tochter zum Füttern der Vögel auf den Balkon geschickt – scheinbar liebevoll, tatsächlich aber auch, um sie aus der gierigen Aasvogel-Verwandtschaft herauszuhalten. Während die Familie bereits Besitz und Zukunft verteilt, bleibt Lauretta außen vor.
Wenn Julia Domke ihre Arie nicht auf der Bühne, sondern mitten im Zuschauerraum singt, verändert sich die Perspektive. Lauretta sucht ihre Verbündeten nicht unter den Erben, sondern im Publikum.
Schon während der musikalischen Vorspiele macht Domke klar, dass ihre Figuren aus einem anderen Stoff sind: Sie dehnt sich, federt, geht in den Spagat. Ein junges Vögelchen prüft Gelenke und Flügel und setzt Beweglichkeit gegen Besitzdenken.
Der Kuckuck übernimmt das Testament
Gianni Schicchi gibt den perfekten Kuckuck. Er legt sich ins fremde Nest und wirft die anderen nicht hinaus – er schreibt sie aus dem Testament.
Beomseok Choi füllt mit seinem Bassbariton das Theater selbst aus dem Bett heraus, hinter einem Vorhang, von wo aus er als falscher Buoso die Erbschaft im Wesentlichen an sich selbst verteilt. Stimmlich wirkt das mühelos geführt: Der satte Schicchi-Ton bleibt präsent, während die verstellte, nasal-quäkende Buoso-Stimme die Täuschung komisch zuspitzt.
Puccinis Musik unterstützt dieses Spiel. Sie federt, zwitschert, reagiert. Kleine Einschübe, tänzelnde Bewegungen und ein waches Orchester halten die Szene in Bewegung. Nichts steht still. Gerade diese Leichtigkeit macht die Komödie scharf.
Freiheit in Sichtweite
Fernanda Allande singt und spielt Canios Frau Nedda, die in einer Art Vogelkäfig auf dem Dach von Freiheit träumt. Ihr lyrischer Sopran wird von projizierten weißen Federschwingen am blauen Himmel getragen. Dieses Bild wird gedoppelt, als Nedda mit ihrem Liebhaber Silvio (Leonhard Geiger) im Duett schwelgt.
Die Inszenierung macht daraus keinen einfachen Freiheitsmythos. Der Himmel ist sichtbar – aber nicht erreichbar.
Ein vogelwilder Opernabend in Freiberg
Dieser Opernabend erzählt von Wahrheit und Täuschung aus der Vogelperspektive. Und tatsächlich trägt ein ganzer Schwarm zu seinem Gelingen bei: Solisten, Opernchor des Mittelsächsischen Theaters, Extrachor, Kinder und das dynamische Orchester unter José Luis Gutiérrez.
Viele Bilder, kluge Ideen und ein sicherer Sinn für Tempo machen die Doppeloper zu einem kurzweiligen Erlebnis. Selbst Smartphones fügen sich ins Spiel der Zeichen. Schade nur, dass Twitter inzwischen anders heißt.
Das Spiel im Spiel wurde publikumsfreundlich als Marionettentheater dargeboten. Foto: MiT / Detlev Müller







