Die Show muss weitergehen: Anna Burger als Judy Garland zwischen großer Geste und sichtbarer Zerbrechlichkeit. Foto: MiT/Detlev Müller

„End of the Rainbow“ in Freiberg: Anna Burger zeigt die vielen Farben der Judy Garland

19. September 2026. Freiberg.

Mit einem Versprechen beginnt dieser Abend. „Come on, get happy“ swingt die Mittelsächsische Philharmonie unter der Leitung von Bennet Eicke-Klava in die Premiere von Peter Quilters „End of the Rainbow“ am Mittelsächsischen Theater Freiberg. Dann erklingt Judy Garland selbst. Ihre Originalstimme aus einem BBC-Interview kommt aus dem Off. Schnoddrig, schnell, amerikanisch. Und Anna Burger betritt ganz in Weiß die Bühne. Noch ist dieses Weiß eine leere Leinwand. 

Am Ende wird sie wieder Weiß tragen. Dazwischen liegen zwei Stunden Judy Garland: Alkohol und Tabletten, Flüche und Zusammenbrüche, große Songs und noch größere Verletzungen. Vor allem aber eine Schauspielerin, die Peter Quilters Stück weit mehr Tiefe gibt, als es selbst mitbringt.

Denn „End of the Rainbow“ ist erstaunlich unterkomplex. Quilter konzentriert sich auf die letzten Lebensmonate Judy Garlands und ihre Auftritte im Londoner „Talk of the Town“ 1968/69. Er zeigt den Zusammenbruch. Er erklärt ihn kaum.

Das Studiosystem Hollywoods, das aus Frances Gumm den Kinderstar Judy Garland machte, bleibt weitgehend Vorgeschichte. Auch die damals verbreitete Vorstellung, Leistungsfähigkeit, Schlaf und Wachsein ließen sich selbstverständlich medikamentös regulieren, bekommt wenig Raum. So entsteht leicht die Karikatur, die Garland über jene Attribute definiert, die längst zum Inventar ihrer Legende gehören: Alkohol, Pillen, Obszönitäten, Abstürze – und dann diese Stimme.

Dabei hätte schon ein anderer Aspekt mühelos eine zusätzliche Ebene geöffnet: Judy Garland ist Mutter dreier Kinder. Sie muss Geld verdienen, während sie von ihnen getrennt ist, und sie will Geld verdienen, um wieder bei ihnen sein zu können. Die Frau hinter dem Mythos gerät bei Quilter immer wieder aus dem Blick.

Zwei Männer wollen Judy retten

Auch Mickey Deans und Anthony bleiben eher dramaturgische Funktionen als vollständig entwickelte Figuren. Im englischen Original dürfte dabei eine Reibung deutlicher hörbar sein, die in der deutschen Fassung zwangsläufig an Kontur verliert: das schnoddrige Amerika gegen die britische Distanziertheit.

Auf der einen Seite Judy und ihr amerikanischer Verlobter und Manager Mickey: Showbusiness, Tempo, Geld, Erfolgsdruck, Selbstinszenierung – und die eiserne Regel, dass die Show weitergehen muss. Auf der anderen Seite Anthony, der britische Pianist: trockener Witz, Distanz, Understatement, Kultiviertheit und durchaus auch jene Spur britischer Herablassung, mit der sich amerikanisches Showbusiness wunderbar betrachten lässt.

Dahinter liegt ein zweiter Konflikt: Verehrung gegen Besitzanspruch, Wahlverwandtschaft gegen Ehe. Beide Männer wollen Judy retten. Und beide hängen an einer bestimmten Vorstellung von Judy Garland.

Emery Escher als Mickey und Boris Schwiebert als Anthony haben damit eine undankbare Aufgabe. Sie bilden den Rahmen für den Star dieses Abends.

Ein Hotelzimmer, das kein Zuhause ist

Regisseur Stephan Bestier und Bühnenbildner Bojan Kaurin finden dafür ein kluges Bild. Ein großer Innenraum, ein mächtiges Fenster, links eine Sitzgruppe, die an französisches Rokoko erinnert. Nicht mehr die ungebrochene Strahlkraft des Sonnenkönigs, sondern deren spätere, dekorative Fortschreibung.

Das passt zu einem Abend, an dem alle versuchen, vergangene Erfolge noch einmal aufzuwärmen.

Mickey träumt von einer neuen amerikanischen Karriere für Judy Garland und davon, die große Hollywood-Ära noch einmal zu Geld zu machen. Anthony setzt auf London und das „Talk of the Town“ – ebenfalls ein Unterhaltungsformat, dessen große Zeit schon hinter ihm liegt. Alle arbeiten an einem Comeback, doch niemand kann die Zeit zurückdrehen.

Das Licht erzählt diesen Widerspruch mit verblüffend einfachen Mitteln. Kühles Blau macht aus dem Innenraum eine Bühne. Warmes Licht verwandelt ihn zurück ins Hotelzimmer. Aber weder das eine noch das andere ist für Judy Garland ein Zuhause.

Anna Burger füllt die Leerstellen

Und dann passiert etwas, das Peter Quilters Stück immer wieder gerettet hat: Seine Leerstellen werden zur Chance für die Hauptdarstellerin.

Anna Burger nutzt sie grandios.

Ihre Judy Garland ist ordinär und kokett, sexuell und kindlich, manipulativ und anschmiegsam, zynisch und unsicher, abgeklärt und neurotisch. Vor allem weiß diese Judy ziemlich genau, was sie bei anderen Menschen auslösen kann. Sie ist deshalb keineswegs nur das Opfer einer erbarmungslosen Unterhaltungsindustrie und der Männer um sie herum. Diese Garland ist selbst in der Lage zu verletzen. Eine zerstörte Frau entwickelt zerstörerische Kräfte.

Burger muss damit psychologische Tiefe erzeugen, die Quilters Text nur teilweise liefert.

Bei den großen Musicalnummern gelingt ihr das mühelos. Sie hat Stimme, Präsenz und Showinstinkt und kann das Publikum jederzeit an sich ziehen. Interessanter wird es dort, wo Judy Garland nicht mehr einfach brillant sein darf.

Burger versucht gar nicht erst, eine brüchige Garland-Stimme zu kopieren. Sie findet einen eigenen Weg. Plötzlich fehlt ein Wort. Eine Zeile scheint vergessen. Der Körper übernimmt. Fahrige Bewegungen, ein Zucken des Kopfes, eine Sekunde zu langes Verharren: Das Auftreten wird zum Überleben.

Dabei wirkt Burger auf der Bühne mitunter noch zerbrechlicher, noch hemmungsloser als die historische Garland. Sie schont ihre Figur nicht. Und genau deshalb macht sie sie größer als eine bloße Imitation.

Man sieht keine Schauspielerin, die möglichst täuschend echt Judy Garland sein möchte. Man sieht eine Schauspielerin, die wissen will, was mit einem Menschen passiert, wenn er Judy Garland sein muss.

Und dann spielt die Musik

Dass dieser Abend nicht im Hotelzimmer stecken bleibt, verdankt er wesentlich der Musik. Die Mittelsächsische Philharmonie unter Bennet Eicke-Klava sitzt nicht einfach im Graben und begleitet. Sie liefert den Gegenentwurf zum privaten Elend: Swing, Glanz, Präzision, große Show.

Das ist die Maschine, die weiterläuft.

Und dann gibt es die kleinen Momente. Boris Schwiebert setzt sich als Anthony an den Konzertflügel auf der Bühne, spielt ein paar Terzen und Quinten, begleitet schließlich „Somewhere Over the Rainbow“. Plötzlich braucht es kein großes Orchester mehr. Ein Flügel, eine Stimme, eine Melodie, die längst jeder kennt.

„End of the Rainbow“ erzählt von der Hoffnung, dass sich vergangener Glanz noch einmal herstellen lässt. Das Bühnenbild erzählt dasselbe. Mickey versucht es. Anthony versucht es. Das Publikum womöglich auch.

Nur Anna Burger tut etwas anderes. Sie belebt keine Legende. Sie setzt sich den Widersprüchen von Judy Garland aus.

Am Ende trägt sie wieder Weiß. Dazwischen hat sie alle Farben gezeigt.

Zwischen Verehrung und Besitzanspruch: Anna Burger als Judy Garland zwischen Emery Escher als Mickey Deans und Boris Schwiebert als Anthony.

Zwischen Verehrung und Besitzanspruch: Anna Burger als Judy Garland zwischen Emery Escher als Mickey Deans und Boris Schwiebert als Anthony. Foto: Elke Hussel.

Bühnenbild der Freiberger Premiere End of the Rainbow

Hotelzimmer und Showbühne zugleich: Im kühlen Licht wird Judy Garlands Londoner Unterkunft zum „Talk of the Town“. Anna Burger am Flügel, Boris Schwiebert als Anthony und Emery Escher als Mickey Deans. Foto: MiT/ Detlev Müller.

Anthony schminkt Judy Garland

Die Kunstfigur Judy Garland entsteht vor dem Spiegel: Boris Schwiebert als Anthony schminkt Anna Burger für den nächsten Auftritt. Foto: MiT/ Detlev Müller.

Infokasten Rainbow

Infos zur Freiberger Aufführung „End of the Rainbow“, Elke Hussel.

End of the Rainbow Orchester Elke Hussel

Die Maschine, die weiterläuft: Die Mittelsächsische Philharmonie liefert in „End of the Rainbow“ Swing, Glanz und große Showmomente. Foto: Elke Hussel.

Boris Schwiebert (li) und Emery Escher

Zwei Männer, zwei Wege für Judy Garland: Boris Schwiebert als britischer Pianist Anthony und Emery Escher als amerikanischer Manager Mickey Deans. Foto: MiT/ Detlev Müller.

End of the Rainbow Schlussapplaus Elke Hussel

Von links: Emery Escher, Bojan Kaurin, Rodrigo Opazo Castro, Anna Burger, Catharina Jacobi, Stephan Bestier, Boris Schwiebert. Foto: Elke Hussel.

Judy Garland am Abgrund

Zwischen Glanz und Zerbrechlichkeit: Anna Burger als Judy Garland in Peter Quilters „End of the Rainbow“ am Mittelsächsischen Theater Freiberg. Foto: MiT/ Detlev Müller.