Motown trifft Monsterpflanze: Crystal, Chiffon und Ronnette bringen Girlgroup-Sound, Farbe und Tempo in den „Kleinen Horrorladen“ – während Audrey II im Hintergrund schon auf die nächste Mahlzeit wartet. Foto: Elke Hussel

Der kleine Horrorladen in Annaberg-Buchholz: Mord im Motown-Takt

26. September 2026. Annaberg-Buchholz.

Das Musical „Der kleine Horrorladen“ ist am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz in einer Inszenierung von Jan Holtappels zu erleben. Monsterpflanze Audrey II trifft auf Motown, schwarzen Humor und eine gehörige Portion Lust am Zuviel. Besonders stark: das Girlgroup-Trio Crystal, Chiffon und Ronnette.

Was passiert, wenn die Supremes in einer heruntergekommenen Gärtnerei landen? Sie werfen sich in rote Glitzerkleider mit Federsaum und singen gegen den Weltuntergang an.

Der ist bereits angekündigt. Ein Pappschild verkündet „The end is near“, Blitz und Donner fahren dazwischen, im Blumenregal stehen vertrocknete Gewächse. Und irgendwo wartet eine kleine Pflanze darauf, dass endlich Blut fließt.

Willkommen in „Der kleine Horrorladen“.

Worum geht es in „Der kleine Horrorladen“?

Seymour arbeitet in Mr. Mushniks heruntergekommenem Blumenladen in der Skid Row. Dort entdeckt er eine ungewöhnliche Pflanze, die er nach seiner Kollegin und heimlichen Liebe Audrey benennt. Audrey II bringt Kundschaft, Aufmerksamkeit und Erfolg. Das Problem: Sie ernährt sich von menschlichem Blut – und ihr Appetit wächst schneller als Seymours Karriere.

Regisseur Jan Holtappels lässt am Eduard-von-Winterstein-Theater ziemlich hemmungslos aufeinander los, was Howard Ashman und Alan Menken 1982 schon musikalisch zusammenbrachten: Horror und Komödie, Mord und Liebeslied.

Grundlage des Musicals ist Roger Cormans B-Movie „The Little Shop of Horrors“ von 1960. Ashman und Menken griffen für ihre Off-Broadway-Fassung auf Doo-Wop, Rock ’n’ Roll, Soul und vor allem den Girlgroup-Sound der frühen 1960er zurück.

Schon die Namen dreier Figuren verbeugen sich vor dieser Ära: Crystal, Chiffon und Ronnette zitieren The Crystals, The Chiffons und The Ronettes.

Crystal, Chiffon und Ronnette als musikalisches Kraftzentrum

Bettina Grothkopf, Marie-Louise von Gottberg und Lydia Roscher kommentieren als eine Art griechischer Chor das Geschehen. Zugleich bilden sie das musikalische Kraftzentrum der Annaberger Inszenierung.

Wenn die drei übernehmen, bekommen Doo-Wop und Girlgroup-Sound jene federnde Leichtigkeit, die so hübsch im Widerspruch zum Gemetzel steht.

Modisch gilt nur eine Regel: Mehr geht immer. Kostümbildnerin Brigitte Golbs schickt sie als rote Glitzerdiven, Zahnarzthelferinnen mit gelben Gummihandschuhen, düstere Gothic-Girls, Rockerbräute mit Kettensäge oder blondgelockte TV-Schönheiten auf die Bühne.

Selten war Horror hübscher anzusehen.

Seymour, Audrey und Mr. Mushnik

Martin Scherms Bühne bietet zunächst schlechte Bedingungen für alles Botanische. Unter einem gemauerten Kellerbogen vegetiert ein lichtloser Blumenladen mit schäbiger Tapete, Dreck und viel Nichts. Wir sind ganz unten, in der Skid Row.

Leopold Peter erinnert schon optisch an Rick Moranis als Film-Seymour. Sein Seymour bleibt allerdings nicht lange der stotternde, achtlos gekleidete Blumenladen-Angestellte. Mit dem Erfolg kommt das Selbstbewusstsein, die Kleidung wird heller und schließlich showbiztauglich grün. Peter spielt diese Verwandlung mit komödiantischem Timing und vollem Körpereinsatz.

Annalena Oswald setzt ihm eine Audrey zur Seite, die wenig vom zerbrechlichen Püppchen hat. Ihr All-American-Girl ist robust, kumpelhaft und gern auch albern. Oswald singt und spielt sie mit ansteckender Energie und sichtlichem Vergnügen.

László Varga sorgt als Mr. Mushnik für Bodenhaftung im allgemeinen Irrsinn. Sobald Seymours Wunderpflanze Kundschaft anzieht, entdeckt der zunächst resignierte Ladenbesitzer Unternehmergeist und Vatergefühle. Den wertvollen Angestellten adoptiert er kurzerhand. Vater und Sohn besiegeln das Geschäft auf Knien mit einem Tango.

Wie wird Audrey II auf der Bühne zum Leben erweckt?

Audrey II wächst in der Annaberger Inszenierung mithilfe von sechs Pflanzenpuppen von rund 20 Zentimetern auf 2,20 Meter. In den beiden größten Exemplaren steckt Puppenspieler Colin Danderski.

Und diese Audrey lebt.

Sie wiegt sich im Takt, seufzt, reißt das Maul auf, lässt einen Blütenstempel als gierige Zunge hervorschnellen und verbeugt sich sogar, wenn das Publikum applaudiert.

Gisa Kümmerling gibt Audrey II die Stimme. Das ist bemerkenswert, weil die fleischfressende Pflanze traditionell mit einer männlichen Soulstimme besetzt wird.

Damit stehen sich in Annaberg zwei weibliche Audreys gegenüber.

Die eine hat Sehnsucht. Die andere hat Hunger.

Jakob Kajetan Hofbauer: zwei Umdrehungen mehr

„Gib mir!“, fordert Audrey II, und aus ihrem Appetit wird Seymours Geschäftsgrundlage.

Für einen beträchtlichen Teil des übrigen Irrsinns ist Jakob Kajetan Hofbauer zuständig. Als Passant, Kunde, Agent und in weiteren Rollen wechselt er Identität und Temperament im Schnellverfahren.

Seinen größten Auftritt hat der Verwandlungskünstler als sadistischer Zahnarzt Orin. Scheren, Skalpelle und Spritzen stecken an seinen Fingern: Edward mit den Spritzenhänden.

Hofbauer spielt mit maximaler Energie und ungefähr zwei Umdrehungen mehr, als vernünftig wären. Genau die braucht dieser Abend.

Warum diese Inszenierung so viel Spaß macht

„Der kleine Horrorladen“ lebt in Annaberg-Buchholz vom Zusammenspiel der Gewerke. Bühne, Kostüm, Maske, Requisite, Technik und Puppenspiel bauen gemeinsam eine Welt, die mit jedem Einfall ein wenig verrückter wird. Pyrotechnik hilft den Gefühlen auf die Sprünge, irgendwann springt Seymour mit Machete wie Rambo ins Pflanzeninnere.

Die Inszenierung versucht gar nicht erst, ihren Hang zum Zuviel zu zähmen. Gerade daraus gewinnt sie ihre Komik.

Am Ende wuchern kleine Audrey-IIs rund um den Orchestergraben. Ein Pflanzenarm greift von der Decke nach dem Publikum.

Das reagiert botanisch bemerkenswert: Es bleibt stehen. Für Ovationen. Mehrere Vorhänge lang.

Beste Wachstumsbedingungen also für diesen „Kleinen Horrorladen“.

Kurzinfo: „Der kleine Horrorladen“ in Annaberg-Buchholz

Stück: „Der kleine Horrorladen“ („Little Shop of Horrors“)
Musik: Alan Menken
Buch und Liedtexte: Howard Ashman
Regie: Jan Holtappels
Theater: Eduard-von-Winterstein-Theater, Annaberg-Buchholz
Audrey: Annalena Oswald
Seymour: Leopold Peter
Mr. Mushnik: László Varga
Audrey II – Stimme: Gisa Kümmerling
Puppenspiel: Colin Danderski
Crystal, Chiffon, Ronnette: Bettina Grothkopf, Marie-Louise von Gottberg, Lydia Roscher
Weitere Vorstellungen: neun Vorstellungen bis einschließlich 31. Dezember 2026

Zwischen Verehrung und Besitzanspruch: Anna Burger als Judy Garland zwischen Emery Escher als Mickey Deans und Boris Schwiebert als Anthony.

Klein, grün und noch ziemlich harmlos: Seymour (Leopold Peter) hat mit Audrey II endlich eine Pflanze gefunden, die Kundschaft in den Blumenladen lockt. Dass sie einen speziellen Speiseplan hat, wird sich noch zeigen. Foto: Dirk Rückschloß

Bühnenbild der Freiberger Premiere End of the Rainbow

Zwei Audreys, zwei Bedürfnisse: Audrey (Annalena Oswald) träumt vom kleinen Glück, während Audrey II längst der große Hunger gepackt hat. Am Ende steht die Monsterpflanze kurz davor, ihr Namensvorbild zu verschlingen. Foto: Dirk Rückschloß

Anthony schminkt Judy Garland

Stimme trifft Bewegung: Gisa Kümmerling leiht Audrey II ihre Stimme, Colin Danderski steckt in den beiden größten Pflanzenpuppen. Foto: Elke Hussel

Infokasten Rainbow

Audrey II kennt keine Bühnengrenzen: Im Finale wächst ein langer Pflanzenarm von der Decke mitten in den Zuschauerraum. Spätestens jetzt ist klar: Dieses Gewächs lässt sich nicht mehr eintopfen. Foto: Elke Hussel