L’amour est un oiseau rébelle / Die Liebe ist wie ein wilder Vogel
Das Freiberger Dream-Team hat wieder einmal gezaubert!

Und zwar durch das Abspecken in jeder Hinsicht. José Gutiérrez überführte einen spanisch inspirierten Klangteppich in leichte, präzise, französische Klarheit.

Die minimalistische Ausstattung erinnerte fast schon an Brechtsches Theater. Für Carmen genügten eine Möwe (Liebe ist wie ein wilder Vogel), eine Blume und rot. Don Josés Innenleben spielte sich in einem Metallspint ab: Von zwanghaft aufgeräumt zu einem zaghaften Knoten im Hemd über absolutes Chaos hin zu manischer Obsession. Und für den Torero-Superstar Escamillo genügten ein paar Plakate und ein schickes Gewand.

Carmen und Escamillo<br />
Kristen Scott und Beomseok Choi

Carmen und Escamillo

Kirsten Scott, die quasi drei Stunden durchsang, gab der Freiberger Carmen etwas Suchendes. Sie war weder Unterschicht, noch Vampir sondern frei und lieblich. Eben Vogel und Blume.

Frank Unger spielte Don Josés Entwicklung von regelkonform steif bis persönlichkeitsauflösend besessen. Dabei hätte er es sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, mal mit koreanischem Akzent zu singen. Das nämlich war eine aufführungsrettende Finte des Abends: Während der erkältete Don José spielte und Gesang markierte, sang Inkyu Park am Bühnenrand. Die beiden machten das perfekt.

Und weil das so gut klappte, übernahm Frank Blees neben seiner Rolle als Zuniga auch noch den Gesangspart von Morales für den ebenfalls angeschlagenen Gregor Roskwitalski.

Der Torero gab sich angenehm modern. Keine blutigen Kampfszenen, nur ein gefeierter Star, der ein anstehendes Duell durch das Verteilen von  Backstage-Karten wegwischt. Und natürlich haben alle DIE Escamillo-Arie erwartet und wurden von Beomseok Choi mehr als belohnt. Mühelos, charmant und irgendwie eine strahlende Abwechslung im sonst eher trist-dunkel gehaltenen Bühnengeschehen.

Hier baut der Chor den nächtlichen Schmugglern eine Brücke

Zwei Seile und ein Lichtpfad – und schon haben die nächtlichen Schmuggler eine Brücke.

Der Chor war famos, auch die Freiberger Domkurrende unter der Leitung von Albrecht Koch lieferte schwer Singbares vollendet ab. Und sah dabei in modernen Hockey-Shirts auch noch gut aus.

Alles in allem ein wunderbarer Abend. Leicht. Aufgeräumt. Großartig.

Schlussapplaus für alle Darsteller

Lindsay Funchal, Frank Unger, Kirsten Scott, Inkyu Park, Beomseok Choi und José Gutiérrez beim Schlussapplaus

Heute, in Zeiten von Reality-TV und nach weiteren 150 Jahren voller Opern- und Operettengeschichte, kommt uns kaum noch etwas exotisch vor. Frei nach Loriot könnte man den Stoff so zusammenfassen:

Aufstrebende junge Frauen, die Zigaretten und Männer am Fließband bearbeiten, sind eine Gefahr für andere und sich selbst. (Carmen)

Wer beim Militär Karriere machen will, trägt besser eine coole Ray-Ban-Sonnenbrille. Denn durch ein rosarotes Modell sieht man das Ende nicht kommen, weder das Karriereende noch das Liebes-Aus. (Don José)

Wenn ein mit Stolz und Testosteron aufgepumpter Torero die Verflechtung von Hobby, Sport und Schlachtindustrie besingt, ist Ärger vorprogrammiert. Da hilft auch kein beliebter Schlager. (Escamillo)

DIE Oper von Georges Bizet gehört vor allem an großen Häusern zum Standardrepertoire. Das liegt zum einen an ihrer Beliebtheit, zum anderen an der Personalfülle. Nach der Novelle von Prosper Mérimée erfuhr der Stoff in so verschiedenen Kunstgattungen wie Literatur, Film und Ballett Würdigung, Abwandlung und zeitadaptive Interpretation. Bizet selbst veränderte während der sechsmonatigen Probenzeit seine Version mehrmals. 

Die 1875 uraufgeführte Oper gilt in vielerlei Hinsicht als experimentell. Musikalisch wird das Zusammenspiel von Rezitativen und Arien neu verhandelt. Inhaltlich schockiert das bildungsferne Milieu auf der großen Bühne: Arbeiterinnen, Schmuggler, Deserteure. 

Das Pariser Publikum sollte mit Exotik verführt werden, weshalb die Handlung in Sevilla angesiedelt ist, obwohl Bizet selbst nie in Spanien war.

Fotos:

Detlev Müller, Mittelsächsisches Theater

Elke Hussel vom Schlussapplaus