Kapitän Ahab und Starbuck sehen die Dinge verschieden Foto: Albrecht Holländer

Moby Dick in Freiberg: Erzählen statt Jagen

Eine Inszenierung am Theater Freiberg über Sprache, Obsession – und zu wenig Ketchup

24. April 2026

Vier Rücken. Kein Blick, kein Gesicht – nur eine Richtung: Meer.
Wellenrauschen und Klicklaute füllen den Raum, ein akustischer Ozean, der sofort Besitz ergreift. Aus dem Off: eine auf wenige Sätze reduzierte Jona-Predigt. Religion erscheint hier nur noch als Restgröße. Dann Licht.

Ismael (Peter Peniaška), der Harpunierer Queequeg (Milon Goetz), Starbuck (1. Offizier/Juschka Spitzer) und Stubb (Fabian Vogt) beginnen zu sprechen: vom Meer als Sehnsuchtsraum, als Traum, als Magie. Eine fast kultische Anrufung – und damit ist der Fokus gesetzt. Diese Moby-Dick-Inszenierung in Freiberg interessiert sich weniger für Handlung als für das Erzählen selbst.

Die Vorlage von Herman Melville ist bekannt: Erzähler Ismael heuert auf der Pequod an und gerät unter Kapitän Ahab in eine obsessive Jagd auf den weißen Wal. Eine Jagd, die in Selbstzerstörung endet. Doch diese Inszenierung verschiebt die Perspektive.

Zwischen Erzählen und Erleben

Regisseurin Marie-Sophie Dudzic entwickelt am Mittelsächsisches Theater ein narratives Theater, in dem Figuren nie ganz in ihren Rollen aufgehen. Sie berichten, was war – und spielen es gleichzeitig.

Ismael erzählt von der Suche nach einem Bett. Während er spricht, wird er geschubst, blockiert, abgewiesen. Der Körper widerspricht dem Wort – oder präzisiert es. Ein Keyboard kommentiert, strukturiert, rahmt.

Auch im Detail bleibt das Prinzip präzise:
Die Begegnung mit Queequeg endet in einer gemeinsam verbrachten Nacht – und einem bewusst überdrehten Rauchmoment. Ein akkubetriebener Hand-Fogger steigert zwei unsichtbare Zigaretten zur Nebelattacke. Komisch, exakt gesetzt.

Vor dem Auslaufen kippt das Erzählen in Rhythmus. Rockbeat. Alustangen. Körpertraining. Das Schiff wird zum Fitnessraum – die Reise zur Disziplinierung.

Und wieder ein Bruch: Queequeg darf nur mitfahren, wenn er Mitglied einer christlichen Kirche ist. Welche, weiß niemand. Religion erscheint als formale Hürde, nicht als Überzeugung. Gleichzeitig glänzt die spanische Dublone als Lockmittel. Geld übernimmt die Rolle des Glaubens.

Die Farbe Weiß durchzieht den Abend: Marmor, Perlen, Milchstraße. Keine Bedeutung, sondern Projektionsfläche. Weiß wird zur Chiffre des Unbestimmten.

Der Störfall Ahab

Konsequent wirkt eine Szene wie eine Vorlesung: Wal-Anatomie mit Leiter und Maßband. Der Körper des Tieres wird vermessen statt zerlegt. Wissenschaft ersetzt Transzendenz – und entlarvt sich zugleich als weiteres Erzählsystem.

Dann Ahab (Michael Berger). Er passt nicht in dieses System.

Während alle anderen zwischen Erzählen und Spiel wechseln, bleibt er gefangen in der Handlung. Seine Besessenheit wirkt isoliert, fast körperlich abgeschnitten von der Metaebene.

Ein Moment bricht das Konzept auf: Ketchup fließt. Über Boden, Hände, Gesichter. Plötzlich entsteht eine Ahnung von Unmittelbarkeit, roher Energie, Gewalt.

Auch musikalisch entsteht eine zweite Ebene. „Everything means nothing if I haven’t you“ wird zum kollektiven Deutungsangebot. Nur Ahab hört anders. Für ihn hat das „Du“ einen einzigen Namen: Moby Dick. 

Am Ende verschwinden die Toten durch eine schwarze Tür. Kein Pathos. Kein Nachklang. Nur ein Abgang.

Rezension: Klar gedacht – kontrolliert erzählt

Diese Inszenierung von „Moby Dick“ in Freiberg überzeugt durch Präzision. Das Ensemble zeigt eindrucksvoll, wie Bedeutung entsteht: durch Sprache, Wiederholung, Variation. Religion, Wissenschaft, Musik – alles Systeme, um Welt erklärbar zu machen.

Doch genau darin liegt die Grenze des Abends. Wo alles als Konstruktion sichtbar wird, verliert das Unfassbare an Kraft.

Die Frage bleibt: Wie lässt sich heute noch von Größe, Obsession und existenzieller Wucht erzählen?

Ein klug gebauter, kurzweiliger Theaterabend mit starken Einzelleistungen und klarer ästhetischer Linie.

Und doch:
Ein wenig mehr Ketchup hätte nicht geschadet.

Zwischen Schiffsmannschaft und OP-Team

Zwischen Schiffsmannschaft und OP-Team. Foto: Albrecht Holländer/MiT

Die spanische Goldmünze lockt und ersetzt die Religion.

Die spanische Goldmünze lockt und ersetzt die Religion. Foto: Albrecht Holländer/MiT

Schlussapplaus mit Regisseurin Marie-Sophie Dudzic undTessa Eidam

Schlussapplaus mit Regisseurin Marie-Sophie Dudzic und Tessa Eidam. Foto: Elke Hussel