Teil der Dramaturgie: Das Publikum zeichnete mit geschlossenen Augen und erlebte Tranströmers Prinzip der Verdichtung als eigene Wahrnehmung. Foto: Elke Hussel

Im Freiberger Lyriksalon wurde Tomas Tranströmers Poetik zur Erfahrung: ein Abend über Reduktion, Wahrnehmung und die stille Kraft der Kunst, die gerade aus Begrenzung ihre größte Intensität gewinnt.

17. Februar 2026

Es gibt Dichter, die erzählen. Und es gibt Dichter, die ein Fenster öffnen. Der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer gehörte zu denen, die mit wenigen Worten einen ganzen Raum verschieben konnten. Dass Tranströmer 2011 den Literaturnobelpreis erhielt, war weniger eine Auszeichnung für ein Werk als für das Vertrauen, dass Dichtung Dichte braucht. Seine Bilder erklären nichts, und gerade deshalb eröffnen sie etwas. Oft genügt ein einziger Perspektivwechsel, und die Welt scheint zurückzublicken.

In seiner zweiten Biografie als Psychologe arbeitete Tranströmer mit Jugendlichen und Gefangenen, Menschen an den Rändern der gesellschaftlichen Ordnung. Vielleicht rührt daher seine besondere Aufmerksamkeit für innere Landschaften. In seinen Gedichten ist die äußere Welt nie nur Umgebung. Sie wird zum Resonanzraum des Bewusstseins, zum stillen Gegenüber.

Als die Sprache verstummte, begann die Verdichtung

Tranströmer verlor nach seinem Schlaganfall 1990 weitgehend die Fähigkeit zu sprechen. Und doch verstummte seine poetische Stimme nicht – im Gegenteil. Seine Texte wurden noch konzentrierter, noch sparsamer, als hätte die Sprache selbst begonnen, sich auf ihr Notwendiges zu besinnen. Aus diesem Bild des Dichters mit verletztem Sprachzentrum entwickelte Catharina Jacobi, Dramaturgin am Mittelsächsischen Theater, die überzeugende innere Architektur des Abends. Nicht als biografische Nacherzählung, sondern als künstlerisches Prinzip: Reduktion als Gewinn, Begrenzung als Form der Schärfung.

Die schöpferische Kraft des Mangels

Rita Zaworka und Emery Escher lasen eine präzise ausgewählte Folge von Gedichten und Haikus, ruhig und ohne interpretatorische Überformung. Die Texte durften wirken. Dazwischen erklangen Beethoven-Sonaten – Musik eines Komponisten, der taub war und dennoch Klangräume schuf, die bis heute fortwirken. Diese Gegenüberstellung war mehr als ein kluges dramaturgisches Motiv. Sie machte erfahrbar, dass Kunst nicht trotz eines Mangels entsteht, sondern manchmal gerade aus ihm.

Der Lyriksalon bezog auch sein Publikum in diesen Gedanken ein. Die Gäste wurden eingeladen, mit geschlossenen Augen zu zeichnen. Ein einfaches, beinahe kindliches Experiment und zugleich eine präzise künstlerische Setzung. Der Verlust der Kontrolle schärfte die Wahrnehmung. Linien entstanden ohne Blick, geführt allein von der inneren Vorstellung. Was fehlte, wurde nicht ersetzt, sondern verwandelt.

Ein Tranströmer-Moment

So wurde der Abend selbst zu einem Tranströmer-Moment: ein Raum, in dem aus Einschränkung Präsenz entstand. Und aus der Erfahrung des Nicht-Könnens eine neue Form des Sehens. Es war ein modernes Experiment, das die klassische Lesung in Richtung Performance öffnete. L’art pour l’art wurde hier nicht behauptet, sondern erlebt. Das Publikum antwortete nicht mit Applaus allein, sondern mit Zeichnungen, mit geschlossenen Augen und mit tatsächlicher Stille. In Musik und Sprache entstand ein Ostinato, eine sich wiederholende Figur, die mit Tempo und Zeit spielte. Ein besonderer Moment, der bleibt.

Ein Buch, ein Prinzip: Catharina Jacobi machte Tranströmers Poetik der Reduktion zur erfahrbaren Dramaturgie des Freiberger Lyriksalons. Foto: Elke Hussel

Ein Buch, ein Prinzip: Catharina Jacobi machte Tranströmers Poetik der Reduktion zur erfahrbaren Dramaturgie des Freiberger Lyriksalons. Foto: Elke Hussel

Emery Escher (li) und Rita Zaworka lasen als eingespieltes Team, z.Bsp. das Tranströmer-Gedicht "Ostinato". Foto: Elke Hussel

Emery Escher (li) und Rita Zaworka lasen als eingespieltes Team, z.Bsp. das Tranströmer-Gedicht „Ostinato“. Foto: Elke Hussel