Jörg Kandl, Julia Meyer und Boris Schwiebert gestalteten einen multimedialen Kaléko-Abend. Foto: Elke Hussel
Mascha Kaléko in Freiberg: Ein literarisch-musikalischer Abend mit Rezitation, Jazz und wissenschaftlicher Einordnung zeigte die Dichterin als überraschend moderne Stimme.
23. März 2026
Manche Dichter lesen wir. Mascha Kaléko begleitet uns. Ein Abend in der Freiberger „Bühne in der Borngasse“ zeigte, warum ihre Gedichte bis heute ihr Publikum finden, zwischen Buchdeckeln und in einer Zeit, in der kurze, treffende Gedanken längst neue Bühnen haben.
Das Abendprogramm spannte einen Bogen von frühen Großstadttexten über Exilgedichte bis zu späten, fast meditativen Versen. Wer genau hinhörte, konnte darin auch eine innere Reise entdecken, von Herkunft über Verlust hin zur Suche nach Ruhe.
Zwischen Analyse, Rezitation und Jazz
Dr. Julia Meyer, Direktorin der Universitätsbibliothek, führte anschaulich und kenntnisreich durch diesen Kosmos. Mit projizierten Originalbuchcovern machte sie Kalékos Lebensstationen sichtbar, erklärte jüdische Zahlenmystik, wiederkehrende Motive und biografische Brüche. Das wirkte nie trocken, sondern lebendig, fast wie ein Gespräch mit der Dichterin selbst.
Boris Schwiebert gab den Gedichten Stimme und Körper. Er rezitierte nicht nur, er spielte sie. Mal ironisch zugespitzt, mal fast zerbrechlich leise, dann wieder mit kabarettistischem Timing. Besonders stark war, wie er Brüche hörbar machte: den Witz neben der Traurigkeit, die Selbstbehauptung neben der Melancholie.
Jörg Kandl schuf dazu den musikalischen Raum. Sein Klavier ließ die 40er Jahre aufscheinen, seine Saxophonklänge öffneten später fast meditative Klangräume. Besonders seine jazzigen Variationen über „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ wurden zum emotionalen Leitmotiv des Abends. Nicht als Showeffekt, sondern als leiser Wunsch: gesehen zu werden, Spuren zu hinterlassen, das eigene Leben nicht nur zu ertragen, sondern zu gestalten.
Von der Großstadt zur Gelassenheit
Gerade in den späten Texten, etwa in „Kurzes Gebet“ oder den nachdenklichen Lebensbilanzen, wurde spürbar, dass Kaléko sich in ihren letzten Jahren auch fernöstlichen Denkweisen öffnete. Keine Abkehr von ihrer Herkunft, sondern eine Erweiterung: jüdische Lebenserfahrung, europäische Geisteswelt und die Suche nach innerer Balance standen gleichberechtigt nebeneinander.
So entstand ein weiter Bogen: von den „Versen für keinen Psalter“ bis zu Gedanken, die an Gelassenheit und Loslassen erinnern. Vielleicht liegt darin das Geheimnis ihrer Zeitlosigkeit. Kaléko predigt nicht. Sie beobachtet. Und sie tröstet, ohne Trost zu versprechen.
Literatur, Wissenschaft und Musik. Drei Zugänge, die nicht konkurrierten, sondern ergänzten: Meyer ordnete ein, Schwiebert ließ fühlen, Kandl ließ nachklingen. Es wurde deutlich, wie wertvoll solche Abende sind, wenn wissenschaftliche Perspektiven nicht im Elfenbeinturm bleiben, sondern Brücken zum Publikum bauen.
Am Ende blieb kein fertiges Bild, sondern ein Echo. Und vielleicht genau das, was große Literatur ausmacht: Dass man den Saal verlässt und das Gefühl hat, jemand habe einem leise einen Gedanken mitgegeben.
Das Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus und Mascha Kaléko hätte dieser Abend vermutlich gefallen. Sie verstand das Spiel mit feinen Formen der Selbstinszenierung. Darin wirkt sie heute verblüffend modern. Vielleicht hätte sie heute ihren eigenen Social-Media-Kanal. Ihre Follower hätte sie längst.
Alle Fotos: Elke Hussel




