Laura Lootens ließ ihre Gitarre stellenweise wie ein Cello klingen – und hielt das Instrument auch so.
Konzert der Mittelsächsischen Philharmonie in Freiberg: Laura Lootens begeistert mit Gitarrenkonzert von Ponce und dem „Kracher Asturias“
4. März 2026
Ein Konzert wie ein Film ohne Leinwand: So ließ sich dieser Abend mit der Mittelsächsischen Philharmonie im gut gefüllten Theater Freiberg erleben. Unter der Leitung von José Luis Gutiérrez entfaltete sich eine (kino-)musikalische Dramaturgie: Mit Atmosphäre, Hauptfigur und ironischer Schlusswendung.
Der Auftakt gehörte der Natur. José Pablo Moncayos symphonische Dichtung „Tierra de temporal – Land des Sturms“ eröffnete den Abend mit einer klanglichen Totalen, wie man sie aus dem Kino kennt: Wind, Bewegung, rhythmische Unruhe. Das Orchester zeichnete eine Landschaft, in der sich Wetter und Raum verdichteten. Holzbläser und Streicher wirkten wie Lichtwechsel in einer Kamerafahrt, während sich das Blech immer wieder wie ein aufziehender Sturm über den Klangraum legte und sich gemeinsam mit den Pauken dichte, schwere Gewitterwolken entluden. Schon hier zeigte sich, wie stark Musik des 20. Jahrhunderts in Bildern denken kann.
Dann rückte die Kamera näher heran. Mit dem „Concierto del Sur“ von Manuel María Ponce trat die Gitarre als Hauptfigur des Abends ins Licht. Die Gitarristin Laura Lootens ließ den Klang ihres Instruments in unterschiedlichen Farben erscheinen: mal harfenartig schimmernd, dann balalaikahaft federnd, schließlich mit einer dunkleren, beinahe cellistischen Tiefe. Dabei hielt sie die Gitarre nah am Körper – fast wie ein Cello –, was die Linienführung zusätzlich sichtbar machte.
Besonders eindrucksvoll entfaltete das Instrument seine Wirkung in jenen Momenten, in denen es tatsächlich allein im Raum stand oder wenn das Orchester klanglich zurücktrat. Etwa in den Passagen, in denen auch die Streicher gezupft spielten. Dann wurde die feine Farbpalette der Gitarre unmittelbar hörbar: Laura Lootens ließ ihr Instrument leuchten, flüstern und erzählen, ohne dass die subtilen Nuancen vom orchestralen Klangstrom überdeckt wurden. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn die Physik des Klangs setzt der Gitarre im Orchester eigentlich Grenzen: Eine gezupfte Saite erhält nur einen kurzen Energieimpuls und verliert danach rasch an Schwingung. Der Ton klingt schnell ab. Eine gestrichene Saite hingegen wird durch den Bogen ständig neu angeregt und kann dadurch länger und kräftiger klingen. Umso bemerkenswerter war es, wie souverän Lootens diesen Nachteil ausglich und die Gitarre mit kluger Phrasierung, präziser Artikulation und feinem Gespür für Klangbalance immer wieder prominent im musikalischen Geschehen hörbar machte.
Kurz vor der Pause kündigte Lootens mit einem Lächeln noch „einen echten Kracher“ an – und meinte damit den Gitarrenklassiker „Asturias“. Obwohl der Titel eine nordspanische Region nennt, klingt die Musik eigentlich eher nach Andalusien: nach staubiger Landschaft, flirrender Hitze, Flamenco-Gesten und dramatischen Schatten. Gerade auf der Gitarre wirkt das Stück fast cinematografisch – ein einziger musikalischer Schauplatz aus Rhythmus, Licht und Bewegung. Als Zugabe funktionierte es hervorragend: virtuos, sofort erkennbar und emotional direkt.
Nach dieser lyrischen und farbenreichen Klangwelt folgte die Wendung des Abends. Mit der 9. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch kippte die musikalische Perspektive plötzlich ins Ironische. Scharfe Konturen, abrupte Kontraste und überzeichnete Gesten prägten das Bild. Die Mittelsächsische Philharmonie spielte diese Musik mit deutlicher Lust an der grotesken Bewegung: Motive schienen sich gegenseitig zu kommentieren, zu widersprechen oder ironisch zu spiegeln. Manches wirkte fast trickfilmhaft, so als würden Mickey Maus und Bambi über die Bühne tollen, stolpern, wieder aufspringen und sich erneut in Bewegung setzen.
So entstand ein musikalischer Spannungsbogen, der sich tatsächlich wie eine filmische Erzählung hören ließ. Das Publikum im Freiberger Theater folgte dieser Reise mit sichtbarer Aufmerksamkeit und dankte am Ende mit kinoreifem Applaus.
Alle Fotos: Elke Hussel





