„Jesus Christ Superstar“ in der Nikolaikirche Freiberg / 10. April 2023

Am Ostermontag erzählt Jesus Christ Superstar in der Freiberger Nikolaikirche die Passionsgeschichte als bewegliches Musiktheater. Alexander Doneschs Regiedebüt setzt auf Mehrdeutigkeit statt Verkündigung und behauptet den Sakralraum als Spielort ohne Ehrfurchtsstarre.

Evangelion bedeutet „frohe Botschaft“. Am Ostermontag wurde diese Botschaft in der Freiberger Nikolaikirche nicht verkündet, sondern mit spürbarer Lust am Befragen erzählt. Jesus Christ Superstar erscheint hier nicht als fromme Illustration, sondern als lebendiger Stoff, der sich Reibung erlaubt.

Mit dieser Inszenierung stellt Alexander Donesch, seit der Spielzeit 2022/23 festes Ensemblemitglied am Mittelsächsischen Theater, sein Regiedebüt vor. Die christliche Bildsprache erscheint dabei selbstverständlich und vertraut, zugleich begegnet Donesch Andrew Lloyd Webbers frühem Schlüsselwerk ohne Ehrfurchtsstarre als lebendigem, spielbarem Stoff. Ein Musical dieses Kalibers in einem sakralen Raum zu zeigen, verlangt Mut. Diese Inszenierung bringt ihn auf.

Bemerkenswert ist die Leichtigkeit, mit der ein hoch aufgeladener Stoff in einer religiösen Diaspora verhandelt wird. Die Regie setzt auf Mehrdeutigkeit statt Belehrung. Sie bietet Denkanstöße, ohne sie festzuschreiben, und vertraut darauf, dass Unterhaltung und Reflexion sich nicht ausschließen müssen.

Die Rahmenhandlung ist dabei von kluger Konsequenz: Vier Evangelisten erzählen ihre jeweilige Version der Passionsgeschichte. Wo der Verlauf zu entgleiten droht, greifen sie ordnend ein – legitimiert durch ihre je eigene Wahrheit. Diese Setzung ist mehr als ein erzählerischer Kunstgriff. Die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sind historisch und inhaltlich keine homogenen Texte, sondern widersprüchliche Perspektiven. Wer erzählt hier also wessen Geschichte? Die Inszenierung beantwortet diese Frage nicht, sondern hält sie offen.

Die Evangelisten erscheinen in weißen Monturen, zwischen Klonkriegern und sakralen Boten, ergänzt durch Masken mit Löwen-, Stier-, Adler- und Menschengesicht. Dass sich die Kirchenväter über deren Zuordnung jahrhundertelang stritten, wird hier nicht didaktisch ausgestellt, sondern als produktive Unschärfe genutzt. Wahrheit erscheint als etwas, das verhandelt wird – nicht als Besitz.

Diese Lesart setzt sich fort, wenn die Frage „Was ist Wahrheit?“ in Buchstabenfragmenten auf den Vorhang projiziert wird. Später, nach dem Tod Jesu, zieht ein nach hinten laufender Textblock in Anlehnung an filmische Erzählkonventionen mit der Aufzählung zahlreicher Glaubensgemeinschaften ins Vorhanguniversum. Ob hier religiöse Vielfalt gefeiert oder Entkopplung sichtbar gemacht wird, bleibt dem Publikum überlassen.

Der aus dem Döbelner Theater übernommene Vorhang erweist sich als zentrales Instrument der Inszenierung. Er fungiert sowohl als biblisches Zitat – „da riss der Vorhang im Tempel entzwei“ – als auch als Projektionsfläche, die dem Geschehen Sichtbarkeit verleiht. In einem Kirchenraum mit extrem eingeschränkten Sichtachsen ist das kein Nebenaspekt, sondern ein entscheidender Akt der Publikumsfreundlichkeit. Szenen auf der Empore, auf Leitern und im Mittelgang erweitern den Spielraum und beziehen die Zuschauenden körperlich mit ein – sie werden zu Teilnehmenden eines liturgisch aufgeladenen Geschehens.

Musikalisch hält José Luis Gutiérrez den Abend souverän zusammen. Eine Kirche ist akustisch ein Resonanzraum, kein Präzisionsinstrument. Umso bemerkenswerter gelingt es hier, einzelnen Stimmen, Band und reduziertem Orchester Raum zu geben und zugleich Balance herzustellen. Dass manche Höhen der Hauptpartien – Jesus (Yannik Gräf) und Judas (Marco Toth) – ins Schrille kippen, entspricht der Ästhetik des Werks. Andrew Lloyd Webbers Komposition von 1971 setzt bewusst auf Überzeichnung: Rock trifft Oratorium, Exzess trifft Sakralität.

Die Kostüme von Nina Reichmann unterstützen diese Lesbarkeit mit feinem Gespür. Jesus im blauen Leinen wirkt distanziert und souverän, Maria Magdalena (Susanne Engelhardt) mit pinkem Kopftuch beruhigend, Judas im schwarzen Fransenglitzer als zentrale Figur sichtbar gemacht. Er ist keine Randgestalt, sondern Motor des Geschehens.

Bis hierhin ist der Abend ein energiegeladenes, farbiges Musiktheater. Wer tiefer einsteigen will, findet im Programmheft eine entscheidende Erweiterung: ein Zitat von Amos Oz, der die Figur des Judas neu liest: nicht als Verräter, sondern als Ermöglicher, als Bruder, als Katalysator einer Weltreligion. Mit dieser Perspektive erhält das selbstbewusste, fast showmasterhafte Auftreten des Judas eine neue Logik.

So endet dieser „Jesus Christ Superstar“ nicht mit einer Antwort, sondern mit einer produktiven Irritation. Die frohe Botschaft bleibt fragil und gerade darin gegenwärtig.

Foto oben: Rockstar Jesus (Yannik Gräf) beim Stage diving / Bildrechte: Mittelsächsisches Theater, Detlev Müller

Judas (Marco Toth) feiert seinen Welterfolg.
Bildrechte: Mittelsächsisches Theater, Detlev Müller