Beomseok Choi interpretierte am Samstag im Freiberger Theater Schuberts Schwanengesang neu. Seine Frau Jane Chae begleitete ihn am Klavier. Foto: Elke Hussel
Mit leiser Autorität und großer stimmlicher Souveränität macht Bariton Beomseok Choi Schuberts „Schwanengesang“ zum Gegenwartsstück – eindringlich, klar und ohne Pathos.
Mit seinem zweiten großen Schubert-Abend nach der „Winterreise“ im vergangenen Jahr stellte sich Beomseok Choi, Bariton am Mittelsächsischen Theater, erneut einem Werk, das durch innere Spannung überzeugt und erstaunlich modern daherkommt.
„Der Schwanengesang“ entstand 1828 in Schuberts letztem Lebensjahr. Die Vertonungen nach Gedichten von Ludwig Rellstab und Heinrich Heine wurden erst nach Schuberts Tod vom Verleger Anton Diabelli zu einer Sammlung zusammengefasst und marketingwirksam betitelt. Seit der Antike bezeichnet man das letzte Werk eines Künstlers als Schwanengesang und meint nicht unbedingt Vollendung, sondern Verdichtung: Noch einmal bündelt sich Ausdruck, oft wesentlicher, radikaler, freier als zuvor. All das trifft auf Franz Schuberts Werk zu. Ursprünglich umfasst dieser „Zyklus“ 13 Lieder. „Die Taubenpost“ wurde später hinzugefügt, vielleicht um die Unglückszahl zu vermeiden und der Liedersammlung Modernität zu verleihen.
Den Abend im Freiberger Theater prägte eine bemerkenswerte stimmliche Souveränität. Beomseok Choi verfügt über einen Stimmumfang, der weit über die Anforderungen des „Schwanengesangs“ hinausreicht. Er hat „Luft nach oben und unten“. Spitzentöne führte er als hohe Kunst leise, konzentriert und kontrolliert. In der Tiefe blieb der Klang rund und voll, ohne Schwere, ohne das Bedürfnis, existenzielle Dunkelheit zu markieren. Das Resultat war Eindringlichkeit ohne Pathos.
Gerade in den ironisch gebrochenen Heine-Vertonungen Franz Schuberts gestaltete Choi nicht „zu viel“. Er ließ die Stimme wirken, im Vertrauen auf ihre Authentizität. Wo andere dramatisieren, hielt er inne; wo andere zuspitzen, blieb er klar. „Der Atlas“ wurde so nicht zum Ausbruch, sondern zur Verdichtung von Last. Gleichzeitig spielt Choi sehr gegenwärtig mit dem Heine-Text, der die nüchterne Erkenntnis beschreibt, selbst Teil eines Systems zu sein, das belastet und beschwert. Und so mancher kennt wohl das Gefühl, sprichwörtlich die ganze Welt auf seinen Schultern zu tragen.
Die folgenden Heine-Stücke wirkten nicht als lyrische Ruhepole, sondern leer, abgekühlt, präzise. Der „Doppelgänger“ schließlich erschien als existenzielles Minimum: ruhig und gebrochen, beinahe sachlich.
Am Klavier begleitete Jane Chae – und das Wort „begleiten“ greift hier eigentlich zu kurz. Stimme und Klavier agierten wie aus einem Guss. Chae verstand es, den Sänger nicht zu tragen oder zu stützen, sondern ihm Raum zu geben. Ohne Ausschmückung, ohne erklärende Gesten, ohne gefühlsbetontes Nachzeichnen. Das Spiel blieb klar und zurückgenommen, ließ der Musik ihren eigenen Atem und vermied jedes hörbare Eingreifen. Diese klangliche Partnerschaft wirkte geschlossen und selbstverständlich, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Dass Beomseok Choi und Jane Chae auch privat ein Paar sind und gemeinsam in eine neue Lebensphase blicken – sie erwarten ein Kind –, lag über diesem Abend wie ein leiser Zauber. Und genau hierin lag die Stärke. Nichts wurde biografisch ausgestellt, nichts sentimental aufgeladen. Und dennoch war ein Zukunftsblick spürbar: nicht als Hoffnungsgeste, sondern als Richtung. Dieser Schwanengesang erzählte nicht vom Ende, sondern vom Weitergehen mit offenen Fragen und vom Mut, in Bewegung zu bleiben.
So ließ sich auch das letzte Stück, „Die Taubenpost“, lesen oder vielmehr hören. Oft als heiteres Zugeständnis missverstanden, wirkte dieses Lied hier wie eine bewusste Brechung. Keine Erlösung, kein Trost, sondern tatsächlich: Bewegung. Die Sehnsucht, von der Schubert spricht, ist keine romantische Verklärung mehr, sondern ein Impuls, der sich neue Wege sucht. In einer Zeit, in der Botschaften nicht mehr per Brieftaube, sondern als kurzes Zwitschern durch soziale Medien fliegen, erhält dieses Lied eine überraschende Aktualität. Die Form ändert sich, das Bedürfnis bleibt: gesehen, gehört, verbunden zu sein.
So spannte der Abend einen leisen, aber tragfähigen Bogen – von Verdichtung zu offener Entwicklung. Wenn anspruchsvolle Klavierpartien und ein stimmlich extrem fordernder Gesang nicht nach Arbeit klingen, sondern leicht, selbstverständlich und gemeinsam atmen, dann entsteht jener seltene Moment, den man Magie nennt. Wer ihn verpasst hat, bekommt am 18. Januar um 17 Uhr eine zweite Gelegenheit: in der Annenkapelle Freiberg.
Viele große Namen haben sich am „Schwanengesang“ gemessen. Dieser Maßstab gilt nun auch in Freiberg. Beomseok Choi überzeugte als Bariton, der mit stiller Autorität, klanglicher Souveränität und musikalischer Reife eindrucksvoll zeigt, dass er seinen Platz in der Reihe der Großen längst gefunden hat.
In kühlem Blau schimmert Schuberts „Schwanengesang“: Beomseok Choi verlieh dem Abend Tiefe, Ruhe und moderne Klarheit. Foto: Elke Hussel
Perfekt eingespielt: Beomseok Choi und seine Frau Jane Chae, die Schuberts Schwanengesang am Klavier begleitete. Foto: Elke Hussel




