Der Abend startete energisch und in reiner Streicher-Besetzung. Foto: Elke Hussel
Ein Sinfonieabend ohne Sicherheitsnetz: In der Freiberger Nikolaikirche traf urbane Energie auf tastende Reibung und monumentale Weite. Daugherty, Britten und Sibelius forderten Orchester, Solistin und Publikum gleichermaßen. José Luis Gutièrrez verwandelte Risiko in spürbare Nähe.
6. Februar 2026
Mit Michael Daughertys STRUT begann gestern das vierte Sinfoniekonzert der Saison in der Freiberger Nikolaikirche. „To strut“ bedeutet stolzieren oder selbstbewusst schreiten. Gemeint sind Souveränität und eine Präsenz, die keiner Rechtfertigung bedarf. Treffender ließe sich der Auftritt der Mittelsächsischen Philharmonie unter der Leitung ihres GMD, José Luis Gutiérrez, kaum beschreiben.
Der Auftakt währte nur sechs Minuten, setzte jedoch den Ton des Abends: Bewegung und urbane Energie. Zu hören waren markante Synkopen, eine deutliche Nähe zu Jazz und Big-Band-Gesten; Popkultur als Energiequelle. Ein reines Streicher-Ensemble zeigte, dass rhythmische Präzision, explosive Klangfarben und energetischer Vortrieb nicht unbedingt Pauken oder Bläser braucht.
Mehr Risiko, mehr Wirkung
Ein Abo-Konzert jenseits der großen Metropolen folgt ja meist stillschweigenden Erwartungen: Verlässlichkeit, Wiedererkennung, ein angenehmer Abend mit ein oder zwei Ohrwürmern. Dieses Konzert jedoch entzog sich solchen Gewissheiten und setzte auf eine Dramaturgie, die Aufmerksamkeit verlangte. Der Mut zahlte sich aus: Ein GMD mit musikalischer Vision, ein Orchester von großer technischer und musikalischer Offenheit und ein Publikum, das musikalische Irritationen dankbar aufnahm, fanden an diesem Abend zu einer spürbaren Nähe, die den Konzertsaal in einen gemeinsamen Resonanzraum verwandelte.
Geige gegen den Strom – jugendlich, souverän, intensiv
Das Zentrum des Abends bildete Benjamin Britten mit seinem Konzert für Violine und Orchester op. 15. Hier kippte die Energie in Reibung. Die Solovioline stand nicht über dem Orchester, sondern in einem permanenten Spannungsverhältnis zu ihm. Brittens Musik verweigert Glanz und Eindeutigkeit; sie bleibt fragend, tastend, von innerer Unruhe durchzogen, eine bewusste Demontage von Gewissheiten.
Den Solopart übernahm Charlotte Thiele, die trotz ihres jungen Alters von 25 Jahren mit beeindruckender technischer Sicherheit, mutigem Zugriff und großer Ausdruckstiefe überzeugte. Ihr Spiel ließ Brittens innere Spannungen aufleuchten und begeisterte das Publikum mit bemerkenswerter Intensität.
Als Zugabe ließ sie ohne Orchesterbegleitung im sakralen Resonanzraum der Nikolaikirche mit Bach barockes Glück aufleuchten. Die Reduktion wirkte wie ein stiller Zauber: Zeit schien sich zu weiten, die zuvor freigelegte Spannung sammelte sich zu einem klaren inneren Leuchten. Ein entspanntes Innehalten.
Bewegt und gewappnet
Den Schlusspunkt setzte Jean Sibelius mit seiner Zweiten Sinfonie. Weit ausschwingende Linien, dunkle Klangballungen und ein stetig wachsender Spannungsbogen entfalteten eine Musik von monumentaler Wucht und überwältigender Wirkung. Gerade in dieser in keinem Takt vorhersehbaren Musik erwies sich die enge Zusammenarbeit zwischen GMD und Orchester als entscheidend. José Luis Gutiérrez formte den Verlauf mit klarer, jederzeit sichtbarer Vision und präziser Zeichengebung; das Orchester folgte dieser Führung mit Konzentration, Flexibilität und klanglicher Geschlossenheit.
Am Ende dieses Abends entließ der GMD sein Publikum mit einer stillen Gebrauchsanweisung fürs Leben: den Kopf heben, Zweifel zulassen, Kräfte bündeln.



