Modern, bunt, süß: Lortzings Waffe(l)nschmied in Freiberg, Foto: Elke Hussel

Das Mittelsächsische Theater servierte in Freiberg Albert Lortzing neu: weniger Amboss, mehr Pâtisserie. Ein Abend, der mit Humor, Tempo und Ironie glänzte!

7. Dezember 2025

Schon der Titel verrät: Hier wird nicht geschmiedet, sondern gebacken. Thomas Smolejs neue Fassung von „Der Waffenschmied“ spielt mit Albert Lortzings bekannter Oper genauso frei wie eine gute Pâtisserie mit ihren Zutaten – mal luftig, mal kräftig, aber immer spielerisch. Die Premiere am Nikolaustag servierte daher am Samstag ein Weihnachtsmärchen für Erwachsene: charmant, pointiert und überraschend.

Das ist die Story: Marie verliebt sich in Konrad, einen Bäcker-Gesellen im Geschäft ihres Vaters. Der ist eigentlich Geschäftsführer einer Backwaren AG und hat bereits um sie geworben – nun schlüpfte er aber in diese Rolle, um Marie zu prüfen. Sie bevorzugt den Mann im Mehlstaub, doch der Vater lehnt beide ab – aus Prinzip. Am Ende wird aus der vermeintlichen Ménage-à-trois ein glückliches Paar.

Dirigent José Luis Gutiérrez Hernandez war an diesem Abend nicht nur musikalischer Leiter, sondern Jongleur eines ganzen Köstlichkeiten-Buffets: Chor, Solisten, Orchester, ja sogar die Lichtregie schienen sich mit spielerischer Präzision nach ihm zu richten.

Lortzings Musik – diese feine Mischung aus Komik und Dramatik, mit einem Hauch Mozart und einem Spritzer Wagner – profitierte enorm von dieser Handschrift: Hernandez bewies, dass man selbst die ausgefallensten rhythmischen Rezepturen mit leichter Hand zusammenführen kann.

Handwerk ohne Zusatzverstärker

Die Lichtregie wirkte in Kombination mit Lukas Wassmanns Ausstattung erfrischend modern: rhythmische Farbwechsel, Hell-Dunkel-Akzente, Stop-Motion-Effekte modellierten das Bühnengeschehen wie Glasur die Weihnachtsplätzchen. Diese zusätzliche visuelle Ebene agierte wie ein griechischer Chor und führte das Publikum sanft durch den Abend.

Dazu die wohltuende Entscheidung, das gesamte Ensemble ohne Mikrofone agieren zu lassen. Die Stimmen harmonierten, zogen wie süßer Duft in den Zuschauerraum und animierten immer wieder zu Szenenapplaus. Ausstattung und Kostüm gelang ein feiner Spagat zwischen reduzierter Moderne und zuckriger Ironie. Besonders köstlich: Konrad und Stadinger in Frack und Anzug aus echtem Waffelpiqué – ein Detail, das beinahe zu schön ist, um wahr zu sein. Beomseok Choi (Konrad) und Inkyu Park (Georg) gaben zwei verschmitzte Jünglinge, die ihre Rollen leicht aussehen ließen.

Dialoge und Gesang erreichen das Publikum mühelos. Die Pointen werden mit sicherer Hand ins Heute geholt. Frank Blees gab den Hans Stadinger mit jener Mischung aus Prinzipientreue und liebenswerter Sturheit, die Lortzing so liebt. Blees’ Bass schuf ein angenehmes Fundament. Obwohl Stadinger ja eher unbeweglich ist, gelang es Blees, der Rolle das Schwere zu nehmen.

Und er durfte nach der Pause während des Orchesterspiels bei noch geschlossenem Vorhang auf der Bühne stehen und einfach Waffeln essen. Julia Domke überzeugte als Marie mit Stimme und Glaube an den eigenen Weg. Sie steckte dabei in verspielten 60er-Jahre-Kleidern, die sie wie eine frisch modellierte Kreation aus der Zuckerbäckerei wirken ließen – leicht, formvollendet und mit einer kleinen Prise Eigenwilligkeit.

Gregor Roskwitalski mit Schmalzlocke im himbeerfarbenen Rüschenanzug glänzte vom Kopf bis zu den goldenen Plateauschuhen als belgischer Herr Adelhof von „Gâteaux Global“. Frank Unger gab der Irmentraut jene unverwechselbare Schärfe, die jede gute Pâtisserie braucht: Sie war die Bittermandel im Süßteig dieser Inszenierung – der kleine, aromatische Kontrapunkt, der verhindert, dass der Abend zu lieblich wird. Eine Figur, die Würze hineinbringt und die Szenen erdet. Dass Unger dabei an die Hexe aus „Hänsel und Gretel“ in der parallel laufenden Inszenierung des Mittelsächsischen Theaters erinnert, ist Zufall und doch eine stimmige Verbindung.

Von Tradition zu Social-Media

Die Dramaturgie des Abends folgte einem klaren Pâtisserie-Bogen: erst luftig-leicht, dann ein aromatischer Überraschungskern aus Identitätsverwirrung, schließlich ein Finale, das wie ein Zimtstern auf der Zunge bleibt – warm und würzig. Die Inszenierung entfaltete ihre Magie aus dem Zusammenspiel von Opern- und Pâtisserie-Handwerk. Beide erzählen immer auch von Moden und Umbrüchen. Das 19. Jahrhundert liebte Buttercreme, Symmetrie und die Reproduzierbarkeit von Schönheit.

Das 20. Jahrhundert erfand die Torte neu: Sahne wurde leichter, Formen abstrakter, die Nouvelle Cuisine entdeckte Desserts als ästhetische Miniaturen. Heute schließlich dominiert eine Mischung aus Tradition, High-End-Technik und Social-Media-Ästhetik. Und jede wirklich gute Kunst, egal ob auf der Zunge oder im Ohr, lebt vom perfekten Verhältnis aus Süße, Struktur und einem Hauch Bittermandel.