Beomseok Choi interpretierte am Samstag im Freiberger Theater Schuberts Schwanengesang neu. Seine Frau Jane Chae begleitete ihn am Klavier. Foto: Elke Hussel

Beomseok Choi singt Franz Schuberts „Schwanengesang“ am Mittelsächsischen Theater in Freiberg. 

10. Januar 2026

Mit leiser Autorität und großer stimmlicher Kontrolle macht Beomseok Choi Franz Schuberts „Schwanengesang“ zu einem Gegenwartsstück. Nicht als dramatische Zuspitzung, sondern als konzentrierte Verdichtung – klar, eindringlich und konsequent frei von Pathos.

Nach seiner „Winterreise“ im vergangenen Jahr stellte sich der Bariton am Mittelsächsischen Theater erneut einem Werk, das weniger als abgeschlossener Zyklus denn als offenes Spannungsfeld funktioniert. Der sogenannte „Schwanengesang“ entstand 1828 in Schuberts letztem Lebensjahr; die Vertonungen nach Gedichten von Ludwig Rellstab und Heinrich Heine wurden erst posthum von Anton Diabelli zusammengefasst und mit einem Titel versehen, der mehr verspricht als er festlegt. Nicht Vollendung ist hier gemeint, sondern Verdichtung – ein letztes Bündeln von Ausdruck, oft freier, radikaler, weniger versöhnlich.

Diese Offenheit nahm Choi ernst. Seine Interpretation suchte nicht das große Ausstellen des Existentiellen, sondern dessen präzise Zurücknahme. Stimmlich verfügt er über einen Umfang, der weit über die Anforderungen dieses Abends hinausgeht. Spitzentöne führte er leise, konzentriert und kontrolliert; in der Tiefe blieb der Klang rund und präsent, ohne Schwere. Existenzielle Dunkelheit wurde nicht markiert, sondern angedeutet. Das Ergebnis war Eindringlichkeit ohne Überzeichnung.

Gerade in den Heine-Vertonungen erwies sich diese Methode als produktiv und zugleich als riskant. Wo andere Sänger dramatisieren oder zuspitzen, hielt sich Choi bewusst zurück. „Der Atlas“ wurde nicht zum Ausbruch, sondern zur komprimierten Last. Diese Entscheidung verleiht dem Lied eine gegenwärtige Lesart: weniger individuelles Leiden als nüchterne Erkenntnis, Teil eines Systems zu sein, das überfordert und beschwert. Wer hier das Zerreißen sucht, das Unkontrollierte, könnte diese Interpretation als zu kontrolliert empfinden. Doch genau darin liegt ihre Konsequenz.

Auch die folgenden Heine-Stücke erschienen nicht als lyrische Ruhepole, sondern als abgekühlte, präzise gesetzte Zustände. Der „Doppelgänger“ schließlich wirkte wie ein existenzielles Minimum: ruhig, gebrochen, beinahe sachlich. Mehr Beobachtung als Klage.

Am Klavier agierte Jane Chae als gleichberechtigte Partnerin. Der oft verwendete Begriff des „Begleitens“ greift hier zu kurz. Stimme und Klavier entwickelten sich aus einem gemeinsamen Atem heraus. Chae trug nicht, sie stützte nicht, sie kommentierte nicht – sie ließ Raum. Ihr Spiel blieb klar, zurückgenommen, ohne Ausschmückung oder erklärende Gesten. Diese Zurückhaltung wirkte nicht neutral, sondern hoch konzentriert.

Dass Choi und Chae auch privat ein Paar sind und als werdende Eltern gemeinsam in eine neue Lebensphase blicken, drängte sich an diesem Abend nicht auf, war aber als leise Verschiebung der Perspektive spürbar. Dieser „Schwanengesang“ erzählte weniger vom Ende als vom Weitergehen mit offenen Fragen.

So ließ sich auch „Die Taubenpost“ hören. Oft als heiteres Zugeständnis missverstanden, erschien das Lied hier als bewusste Brechung: keine Erlösung, kein Trost, sondern Bewegung. Die Sehnsucht, von der Schubert spricht, wurde nicht romantisch verklärt, sondern als Impuls verstanden – etwas, das weiterdrängt. In einer Zeit, in der Botschaften nicht mehr per Brieftaube, sondern in flüchtigen digitalen Zeichen zirkulieren, erhält dieses Lied eine unerwartete Aktualität. Die Form ändert sich, das Bedürfnis bleibt: gesehen, gehört, verbunden zu sein.

Der Abend spannte so einen leisen, aber tragfähigen Bogen – von Verdichtung zu offener Entwicklung. Wenn anspruchsvolle Klavierpartien und stimmlich extreme Anforderungen nicht nach Arbeit klingen, sondern selbstverständlich und gemeinsam atmen, entsteht jener seltene Moment, den man Magie nennt.

Viele große Namen haben sich am „Schwanengesang“ gemessen. Beomseok Choi entzieht sich dem Vergleich durch Reduktion. Mit stiller Autorität, klanglicher Souveränität und musikalischer Reife setzt er einen eigenen Maßstab.

In kühlem Blau schimmert Schuberts „Schwanengesang“: Beomseok Choi verlieh dem Abend Tiefe, Ruhe und moderne Klarheit. Foto: Elke Hussel

Perfekt eingespielt: Beomseok Choi und seine Frau Jane Chae, die Schuberts Schwanengesang am Klavier begleitete. Foto: Elke Hussel

Liederabend zu dritt. Beomseok Choi und seine Frau Jane Chae erwarten ein Baby. Foto: Elke Hussel