Stefanie Metzler und Frank Unger zeigten, dass es am Theater keine „kleinen“ Rollen gibt. Mit Witz, Charme und Leichtigkeit verliehen sie dem Abend Zauber. Foto: Elke Hussel
Die Sache ist vollbracht – Freiberg hat sich seinen Platz in der Musicalwelt endgültig erspielt. Die Premiere der „Drei Musketiere“ in der Freiberger Nikolaikirche am Samstagabend war ein Fest souveräner Leichtigkeit.
Einer für alle – alle für Freiberg
22. März 2026
In der Musicalfassung „3 Musketiere“ von Rob und Ferdi Bolland geht es um Freundschaft, die stärker ist als jede Intrige, und Herzen, die gefährlicher schlagen als jeder Degen. Ein junger Gascogner kommt nach Paris, um Musketier zu werden, und findet drei Männer, die keine Brüder sind, und doch bedingungslos füreinander kämpfen. Zwischen höfischen Ränken und kirchlicher Macht lernen sie, dass Mut allein nicht genügt. Denn wer für Ehre streitet, muss auch entscheiden, was sie ihm wert ist. Einer für alle – und alle für die Geschichte, die daraus entsteht.
Schon die Ouvertüre in der Freiberger Nikolaikirche unter der musikalischen Leitung von Jacob Bass machte klar: Hier geht es nicht um nostalgisches Mantel-und-Degen-Theater, sondern um Tempo, Präzision und klare musikalische Linien. Im Leitmotiv „Alle für einen“ hörte man sofort zu Beginn Bewegung, genauer Pferdegetrappel, das die Geschichte in Gang setzte.
Frank Unger führte als Conférencier mit seiner Gauklertruppe in die Handlung ein. Das war ein kluger Rahmen, der dem Abend eine zusätzliche Ebene gab. Die Kostüme bewegten sich zwischen barocker Anmutung und spielerischer Überzeichnung. Durch Reduktion und Übertreibung entstand eine Formensprache, die fast satirisch wirkte. Besonders die übergroßen Pappmaché-Köpfe der Gaukler erinnerten an Karnevalsumzüge und setzten von Anfang an einen ironischen Kontrapunkt zum heroischen Stoff.
Auftritt D’Artagnan (Yannik Gräf). Während er von Ruhm in Paris träumte, erschienen hinter einem Vorhang die Schattenrisse der Musketiere, die mit ihren Degen spielen. Ein schöner Einfall, der sofort zeigte: Hier wird mit Erwartungen gespielt. Die Regie ließ bewusst Raum für eigene Bilder. Nicht jede Szene wurde naturalistisch ausbuchstabiert, vieles blieb Andeutung und gewann gerade dadurch an Wirkung.
Bereits die dritte große Nummer gehörte Milady. Anna Burger zeichnete die Figur mit beeindruckender Abgeklärtheit. Die Partie verlangt alles: Gesang, Spiel, Tanz. Selbst akrobatische Elemente wie eine Hebefigur im Spagat wirkten nicht als Effekt, sondern als Teil ihrer kompromisslosen Figurenzeichnung. In ihrem weinroten Ledermantel setzte sie mit „Ich bin zurück“ ein selbstbewusstes Statement.
Das Bühnenbild vertraute auf radikale Reduktion. Zwei verschiebbare Treppen reichten aus, um unterschiedlichste Räume entstehen zu lassen: Thron, Gefängnis, Pariser Gasse oder Einmaster. Den Rest erledigten Projektionen: Stadtansichten, Wald, Wetter, Seegang. Manchmal genügte reine Farbe – Rot für die Kirche, Gelb für den Hof. Das schaffte einen harmonischen Gegenpol zu den aufwändigen Kostümen.
Unter den drei Musketieren durfte Athos (Stefan Bleiberschnig) seine ernste Seite zeigen. Seine Geschichte mit Milady bekam Raum und verlieh der Figur Tiefe. Porthos (Gregor Roskwitalski) sorgte für Bodenhaftung: ein wenig Grumpy, ein wenig Dauer-Bad-Hair-Day, mit trockenem Humor und genau dem richtigen Maß an Unmut. Aramis (Fabian Vogt) schließlich brachte Bewegung ins Spiel. Mit sportlicher Präsenz trieb er die Handlung voran. Doch eigentlich ging es gar nicht um die Musketiere. Ihre Degen blitzten zwar effektvoll, doch hinter Freundschaftsschwüren und Fechtduellen tobt ein größerer Kampf: England gegen Frankreich, Kirche gegen Krone, Macht gegen Moral.
Die Rolle des Kardinals Richelieu wurde bewusst zurückgenommen. Alexander Donesch verlieh der Figur ein bemerkenswert differenziertes Profil. Sein Richelieu ist kein kalter Strippenzieher, sondern ein Mann mit innerem Konflikt. „Mein Herz ist nicht aus Stein“ wurde tatsächlich spürbar. Diese Lesart wird der Figur gerecht. Richelieu muss nicht als eindimensionaler Bösewicht erscheinen. Man kann ihn ebenso als modernen, visionären Staatsmann sehen, der nicht aus Bosheit handelt, sondern aus Überzeugung und vielleicht aus der Einsicht, dass große Politik selten ohne persönliche Opfer auskommt.
Auch die Frauenfiguren setzten eigene Akzente. In „Wer kann schon ohne Liebe sein“ kulminierten drei Perspektiven: Constances Hoffnung (Michaela Bär), Annas Pflichtgefühl (Paola Alcocer) und Miladys Erfahrung.
Der Chor überzeugte auf ganzer Linie. Der MIT-Chor sowie der durch den Förderverein ermöglichte Extrachor sangen mit beeindruckender Souveränität. Schon im ruhigen Stand verlangt ein mehrstimmiges Kyrie eleison große Präzision in Intonation und Zusammenspiel. Umso bemerkenswerter ist es, wie sicher auch in choreografierter Bewegung Einsätze getroffen wurden und selbst in anspruchsvollen Höhen die klangliche Balance gewahrt blieb.
Unbedingt erwähnt werden muss an dieser Stelle Stefanie Metzler. Sie gehört seit Jahren zu jenen oft ungesehenen Allroundtalenten, die einer Inszenierung einen unwiderstehlichen Zauber verleihen. Sie singt, spielt und gestaltet die vielen kleinen Nebenrollen. In den Drei Musketieren zeigte sie als Harlekin der Gauklertruppe ihr Können mit Charme, Witz und großer Leichtigkeit.
Es ließe sich noch viel mehr erzählen: von klugen Regieeinfällen, liebevollen Minirollen, eingängigen Ohrwürmern und einer wohltuenden Heiterkeit, die den Abend trug. Mit dieser Produktion hat sich Freiberg endgültig seinen Platz in der Musicalwelt erspielt.
Ein Abend, der nach den Sternen griff und sein eigenes Leuchten fand.






